Spaß an der Form

Luigi Colani und der Jugendstil – Eine Ausstellung im Bröhan-Museum in Berlin-Charlottenburg, verlängert bis 29. August 2021

 

 

Gibt es so etwas wie einen modernen Jugendstil? Diese Frage beantwortet das Bröhan-Museum in einer Ausstellung mit Werken des deutschen Designers Luigi Colani (1928-2019), der hier als Enfant Terrible inszeniert wird. Ein begabter und rebellischer Künstler, der nach einem Jahr an der Hochschule für Bildenden Künste, heute Universität der Künste, in Berlin diese verließ und sich nach Paris absetzte. Hier ging es ihm sichtlich besser als in Berlin. Alleine schon die Geländer an der Pariser Metro mit ihren geschwungenen Formen beeindruckten ihn sehr.

In der französischen Hauptstadt studierte er Aerodynamik und der Ausstellungsbesucher begreift diese Verschmelzung der Bildhauerei mit den dynamisch-organischen Formen in Colanis Entwürfen. Man bekommt allerdings auch den Eindruck, dass sich der Designer den geschwungenen Formen zuwandte, um sich vom Zeitgeist des deutschen Designs abzugrenzen. Glücklicherweise befindet sich ein Stockwerk höher eine Ausstellung über die Firma Braun und man sieht sofort, dass sich diese Designphilosophien diametral gegenüber stehen. 

Fast beiläufig zeigt die Ausstellung erotische Reliefs und Zeichnungen, die Colanis Interesse am weiblichen Körper und der Sinnlichkeit dokumentieren. Direkt daneben hängen Drucke des britischen Künstlers Aubrey Beardsley, nicht weniger provokativ, nur eben ein Jahrhundert älter. 

Colani war insbesondere in Japan und China sehr aktiv. Die sehr produktiven Jahre in Asien werden in der Ausstellung leider wenig gezeigt. Insbesondere seinen Bezug zu Japan habe ich vermisst. Vielleicht fehlte hier ja der Bezug zum Jugendstil.

Mein Lieblingsstück in der Ausstellung ist eine beeindruckend große quadratische ebenerdige Sofalandschaft, aus der man bestimmt abends nach einem Gläschen Wein nur sehr schwer wieder herauskommt. Ich hätte sie als Kind geliebt. Leider fehlt bei dieser Ausstellung die Möglichkeit, das Design zu erleben und die ausgestellten Möbel zu benutzen. Colani hätte seine Designs mit Sicherheit viel spielerischer in Szene gesetzt.

Herrlich ist die Gegenüberstellung einer originalen Frankfurter Küche, entworfen 1926 und die allererste Einbauküche, mit einer von Colani entworfenen futuristischen orangen Kochkapsel, in der der Koch auf einem Drehstuhl sitzend das Essen zubereitet. Man wünscht sich, Colani hätte die ISS entworfen. 

Design macht eben Spaß und ist mit einem Augenzwinkern zu verstehen. Das vermittelt diese Ausstellung. Sie zeigt den Prototyp einer schnittigen Rennwagenkarosserie, die kompatibel mit dem Untersatz eines VW Käfers entworfen wurde. 

Schön und praktisch ist eine Einheit aus zwei Waschbecken, damit sich ein Paar gleichzeitig fertig machen kann. Hier vereinen sich die Einflüsse des Jugendstils, der Bildhauerei und der Aerodynamik.

Von Bordbesteck, Teekanne, Rennwagen, über Raumstationen und Sofas: Es gibt viel zu sehen und wiederzukennen. 

 

 

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