Der Hausvogteiplatz – Zentrum Berliner Mode

Man mag es sich kaum vorstellen, aber Berlin war mal ein Modezentrum von internationalem Rang. Nicht der Haute Couture, aber der zuweilen auch glanzvollen Konfektion. Das, was heute noch immer etwas abfällig als „von der Stange“bezeichnet wird, also industriell angefertigte Mode nach Einheitsgrößen, ist eine Berliner Erfindung. Ein relativ einheitliches System von Konfektionsgrößen ermöglichte es dem Kunden, und auch der zunehmend am Erwerbsleben teilnehmenden Frau, den Kauf modischer und preiswerter Konfektion. Man war nun nicht mehr auf den kostspieligeren Schneidermeister angewiesen. Das Zentrum der Berliner Modeunternehmen, der Konfektion und des Pelzhandels lag rund um den Hausvogteiplatz.  Die Berliner Konfektion erlebte ihre Blüte in den 1920er Jahren und wurde vom Hausvogteiplatz aus in alle Welt exportiert. 

Hausvogteiplatz 2018 mit Denkzeichen und Eingang zur U-Bahn Foto: privat

 

Wer heute den abseits vom menschenvollen Treiben in Berlin Mitte liegenden Hausvogteiplatz betritt, hat Schwierigkeiten sich den geschäftigen Trubel von vor über hundert Jahren vorzustellen. Der aus der U-Bahn am Hausvogteiplatz aussteigende Passant, liest die in die Stufen eingemeißelten Namen von Firmen und deren Firmensitze: Gebr. Wilhelmy Hausvogteiplatz 2, Weil & Orbach Hausvogteiplatz 8-9, Salinger & Beda Hausvogteiplatz 8 – um nur einige zu nennen. Wahrscheinlich wundert er sich auch.

 

Der Hausvogteiplatz mit Denkzeichen vor einmündender Oberwallstraße und mit der Botschaft der Mongolei Foto: privat

 

Ein Denkzeichen bestehend aus drei Stahlspiegeln klärt auf und gedenkt der früher am Hausvogteiplatz ansässigen Konfektionäre. Die schräg gestellten Spiegelflächen erinnern an die in Modesalons üblichen Spiegel. In den Boden eingelassene Schrifttafeln berichten von der Berliner Modetradition am Platze, der Vertreibung der Unternehmer und der Liquidierung ihrer Geschäfte durch die Nationalsozialisten.

 

 

Gerson, Manheimer, Israel, Levin und Hertzog sind nur die bekanntesten Vertreter dieser überaus großen und erfolgreichen Berufsgruppe, zu denen zumeist Juden zählten. Juden war bis zu Anfang des 19. Jahrhunderts das Schneiderhandwerk auszuüben gänzlich verboten. Lediglich der Handel mit Altkleidern war ihnen erlaubt.

 

Die Ausstellung ‚Brennender Stoff‘

 

Aktuell thematisiert die Ausstellung Brennender Stoff. Deutsche Mode jüdischer Konfektionäre vom Hausvogteiplatz den Beginn und das gewaltsame Ende dieser schillernden Erfolgsgeschichte. Die Ausstellung wurde im Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt Universität Berlin erarbeitet und zuerst im Oktober im Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV) gezeigt. Bei der Ausstellungseröffnung  wurden auf einer Modenschau Kleidungsstücke gezeigt, die die Studenten der Bezalel Academy of Arts and Design Jerusalem in Zusammenarbeit mit dem Berliner Modedesigner Michael Sontag entworfen hatten.
Das Bundesjustizministerium in der Mohrenstraße, also nahe beim Hausvogteiplatz gelegen, ist selbst in einem Gebäude untergebracht, in dem während der Weimarer Republik 59 (!) Betriebe jüdischer Konfektionäre untergebracht waren. Das BMJV hat eine hervorragende Studie Konfektion und Repression  erarbeiten lassen, die zum Download zur Verfügung steht, und die Arbeitsgrundlage für die Ausstellung ‚Brennender Stoff‘ wurde.

Blick in den Lichthof in der Humboldt Universität Foto: privat

 

Inzwischen ist sie in einem etwas entlegenen Lichthof im Erdgeschoss des Hauptgebäudes der Humboldt Universität (Unter den Linden 6) noch bis Ende November zu besichtigen. Danach, so heißt es, soll sie noch auf der Berlin Fashion Week im Januar 2019 gezeigt werden und noch weitere, bislang noch nicht feststehende Stationen seien geplant. Man darf also gespannt bleiben.

Den Besucher erwarten mehrere kurz gehaltene Ausstellungsstationen, so beispielsweise ‚Berlin wird Modestadt‘, ‚Mode und Emanzipation‘, ‚Mode und Medien in den 1920er Jahren‘ und ‚Arisierung‘ durch die ADEFA (Arbeitsgemeinschaft deutsch-arischer Fabrikanten der Bekleidungsindustrie).

Sehr gut gefiel mir, dass die Beschriftungen und zahlreichen Reproduktionen an Kleiderständern aufgehängt waren, so dass der Eindruck eines Besuches in einem geschäftigen Konfektionshaus vermittelt wurde. Die ausgestellten Kleidungsstücke sind ausschließlich Originale. Es sind Leihgaben aus dem Modemuseum Meyenburg und stammen aus der umfangreichen Privatsammlung der Modekennerin Josefine Edle von Krepl.

Zweiteiliger Damenanzug aus dem Hause Horn, vormals Gerson Foto: privat

 

Ausstellungsstation ‚Berlin wird Modestadt‘ flankiert mit passenden Kleiderkreationen nach damaligen Entwürfen Foto: privat

 

Ausstellungsstation ‚Mode und Medien in den 1920er Jahren – Eine Symbiose‘ mit Flapperkleid Foto: privat

 

Ging es um die schillernde Mode der 1920er Jahre, wurden glitzernde Damenkleider hinzugestellt, ging es um das Mantelimperium Valentin Manheimers flankierten drei auch heute noch schicke Mantelexemplare die Infostationen.

Als Pionier der Konfektion und „Mantelkönig“ gilt u.a. der aus Gommern bei Magdeburg stammende Valentin Manheimer (1815-1889), der 1870 zum Kommerzienrat und 1884 sogar zum Geheimen Kommerzienrat ernannt wurde. Manheimer agierte bereits in den 1870er Jahren international und beschäftigte über 8000 Mitarbeiter. Daran, daß Anton von Werner (1834-1915), führender Vertreter großformatiger wilhelminischer Historienmalerei, der sonst gekrönte Häupter, Bismarck oder Ereignisse von historischer Bedeutung auf großformatigen Ölgemälden festhielt, ihn im Kreise seiner Familie anlässlich seines 70. Geburtstages malte, mag man die besondere gesellschaftliche Stellung Manheimers ablesen.

Doch woher rührte der Erfolg?

Diese Frage wird gleich zu Beginn der Ausstellung beantwortet. Die Berliner Konfektionäre konnten nur so erfolgreich sein, indem sie auf teure Schneiderateliers verzichteten und die Arbeit auslagerten in die überfüllten Mietskasernen des boomenden Berlin der Gründerzeit. Es gab nur einen Zwischenmeister, von dem die zugeschnittenen Kleidungsteile zu den Näherinnen gebracht wurde.

Hinten links steht leicht zu übersehende die Singer-Nähmaschine Foto: privat

 

So steht wie verwaist und unscheinbar in einer Ecke eine alte mechanische Singer-Nähmaschine, deren Anschaffung der Näherin einen ganzen Jahreslohn kostete, aber auch Voraussetzung dafür war, einen 15-stündigen Arbeitstag für die Konfektion nähen zu können.

Heimarbeit um 1911, links das Bett in der Küche, rechts die Zinkwanne und alle bis zum Kleinkind packen mit an

Über 100.000 Frauen arbeiteten in Heimarbeit am heimischen Küchentisch, auch unter Mithilfe der Kinder.

Aussteller im Foyer der Humboldt Uni

 

Wer mehr über die Konfektionäre rund um den Hausvogteiplatz erfahren möchte, kann noch an Führungen durch die Ausstellungen teilnehmen und dem seien unbedingt folgende Bücher ans Herz gelegt: 

Brunhild Dähn, Berlin Hausvogteiplatz, Göttingen 1968 und die beiden Bücher von Uwe Westphal, Berliner Konfektion und Mode 1836-1839. Die Zerstörung einer Tradition, Berlin 1986 sowie Ehrenbrief & Cohn, Berlin 2015.

Studie des BMJV Konfektion und Repression zum Download

Zur Ausstellung ist die Begleitschrift Brennender Stoff, herausgegeben von Kristin Hahn Sigrid Jacobeit im Hentrich & Hentrich Verlag Berlin Leipzig erschienen und kostet 19,90 Euro und kann auch dort erworben werden.

 

L. von fabricandacuppa

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