‚Schneidere Selbst‘ von Lieselotte Kunder

Schneidere selbst – ein fröhlich aufmunternder Imperativ

Seit geraumer Zeit steuere ich in Buchhandlungen und Antiquariaten auch die DIY-Abteilungen an, immer auf der Suche nach DEM Nachschlagewerk mit den Antworten auf alle meine Schneiderfragen. Stets ziehe ich enttäuscht das selbe Fazit: Die heutigen Bücher mögen ja um einiges bunter und bilderreicher und nett anzuschauen sein, aber sind sie deswegen besser oder informativer? Haben sie das Potenzial, auch nach Jahren häufigen Nachschlagens noch immer Neues zu bieten? Was in den Regalen steht, sind unzählige Veröffentlichungen, die thematisch sehr eng gefasst sind, so behandeln sie ausschließlich die Herstellung von Taschen, Tischsets, Stofftieren & Co., Kleinkram eben. Demnächst kommt bestimmt ein Kompendium heraus, das sich ausschließlich mit der Anfertigung von Knopflöchern beschäftigt. Ganz nebenbei: Im Moment bemühe ich mich tatsächlich schöne handgefertigte Augenknopflöcher an meine Cabanjacke zu sticken, – davon aber mehr im nächsten Post. Um mich ein wenig vom ‘Knopflochnähenüben’ abzulenken, beginne ich heute unsere Buchtipp-Reihe, die sich mit Nähbüchern beschäftigen wird. Heute im Programm: Schneidere selbst. Die neue Schneiderlehre von Lieselotte Kunder, erstmals 1959 unter dem Titel BEYER – SCHNEIDERE SELBST erschienen, das mir in der Ausgabe von 1966 vorliegt.

 

Weiß, Schwarz, Pink! Ist das nicht ein gelungenes Cover! Lieselotte Kunder, Schneidere selbst. Die kleine Schneiderlehre, Ausgabe von 1966

 

Oldie but Goldie

Schneidere selbst. Die neue Schneiderlehre von Lieselotte Kunder wird zuweilen in Blogs, z.B. bei taylormaid lobend erwähnt. Nach mehreren erfolglosen Recherchen in dem bereits erwähnten Buchsortiment wurde ich neugierig. Antiquarisch ist es noch zu haben, zum Teil zu saftigen Preisen. Manchmal lacht das Glück, und so erstand ich das gute Stück für ein paar Euro: Mein Exemplar kam in einem quasi ungelesenem Zustand an, und selbst die beiden dazu gehörigen Schnittmusterbögen waren wohl noch nie aufgefaltet worden. Neugierig war ich auf die Bögen und darauf, was sie wohl zeigen würden. Der erste Schnittmusterbogen ist ein Grundschnitt für ein Kleid in Größe 42 (Oberweite 96 cm), anhand dessen man sich seinen ganz individuellen Kleidergrundschnitt erstellen kann.

Grundschnitt für ein einfaches Kleid. Mein Exemplar steckt noch immer in der Originalhülle.

 

Der zweite Schnittmusterbogen beinhaltet mehrere unterschiedliche Kleider, deren Bezeichnung ich der folgenden Aufzählung übernommen habe: Tageskleid, Winterdirndl, Jumperkleid, Hemdblusenkleid, Mantelkleid, Jackenkleid, „Dirndl für Mollige“, Mädchenkleider und mehrere „Umstandskleider“ in diversen Größen (bis zur Größe 52). Ein unverhofftes Füllhorn an Vintage-Schnittmustern. Ein echtes Sahnehäubchen zum Buch, mit dem ich gar nicht gerechnet hatte.

Schnittmusterbogen mit Kleidern für Frauen und Mädchen.

Schneidere selbst. Die neue Schneiderlehre

Das Buch kommt mit seinen 356 Seiten DEM Nachschlagewerk für jedes Nähproblem schon ziemlich nahe. Die Erläuterungen sind knapp, aber präzise, die über 1000S/W-Fotographien und Zeichnungen sind sehr anschaulich und manchmal auch eindeutiger als die Fotografien heutiger Veröffentlichungen. Kurzum: Frau Kunder hat sich in die nähende Leserin hineingedacht und hat ein wirklich hilfreiches Buch geschaffen. Über die Verfasserin konnte ich leider nichts weiter in Erfahrung bringen; möglicherweise hat sie auch nur dieses eine Buch geschrieben. Der Klappentext verrät lediglich, daß dieses „einzigartige Buch aus den Erfahrungen einer berühmten Mode-Redaktion“ zusammengestellt worden sei.
An wen wendet sich das Buch? Die Antwort von Lieselotte Kunder steht gleich auf einer der ersten Seite und so knapp, daß ich sie hier einfach mal zitiere:

Zur Anleitung
Zum Auffrischen Ihres Wissens
Zum Nachschlagen

Für Sie

Die Freude am Schneidern haben
Die so für sich und Ihre Familie sparen
Die das schöpferische Gestalten reizt
Die gern mit persönlicher Note gekleidet sind

oder für Sie

Die es einmal gelernt haben und nun weiterpflegen möchten

Da ist doch wirklich für jeden etwas dabei! Und tatsächlich behandelt das Buch alle Facetten des Nähprozesses und stellt auch zahlreiche Schneidertechniken, Verzierungstechniken wie Sticken, Applikationen und das Anbringen von Perlen und Pailletten, Fransen, Quasten oder Pompons vor. Auch Anleitungen zum richtigen Bügeln, Ausbessern, Flicken und Reinigung von Kleidung und Textilien fehlen nicht. Heute hallt es überall Mehr Nachhaltigkeit !, früher war es eine aus wirtschaftlichen Gründen geborene vernünftige Einstellung zur Sparsamkeit. So ist der Ton des Buches zuweilen altbacken, an den man sich aber nicht stoßen sollte – immerhin ist das Buch vor über einem halben Jahrhundert verfasst worden und der Krieg war noch nicht so lange vorbei, weshalb Sparsamkeit natürlich eine Tugend war. Auch amüsiert mich dieses Zeitzeugnis einer vergangenen Hausfrauenwelt:

Pfaff zeigt den guten Weg
Die Zeit der Frau ist kostbar geworden. So kostbar, daß sie es sich nicht mehr leisten kann, ihren Haushalt so umständlich zu versorgen wie vor 50 Jahren. Moderne Haushaltsmaschinen helfen ihr, den erhöhten Anforderungen gerecht zu werden.

Glückliche und zufriedene Hausfrauen an modernen Maschinen von Pfaff. Das Wort ‚Bügelprobleme‘ oben links in der Textspalte gefällt mir besonders gut.

 

Gretchenfrage: Sag, wie hältst Du’s mit den Flicken?

Im Kapitel Stopfen – Flicken – Ausbessern heißt es:
Diese wenig geschätzten Arbeiten, die mit zu den Aufgaben einer Hausfrau gehören, sind wichtig, denn sie erhalten dem Haushalt unschätzbare Werte. An einem sorgfältig ausgeführten Flicken kann man aber auch seine Freude haben.

Toll, oder? So einen Satz – ich meine jetzt nicht den mit der Hausfrau, sondern den mit der Freude am schön ausgeführten Flicken – findet sich heutzutage in keinem Buch mehr. Es wird nicht mehr geflickt und ausgebessert, sondern gleich ‘upgecycelt’, aus einem Kleidungsstück gleich etwas ganz anderes erschaffen, anstatt das Vorhandene einfach und effizient mit wenig, aber mit handwerklichem Geschick auszubessern.

 

Seine Königliche Hoheit und der Flicken

In Modebiotopen, in denen aufgeschlitzte Jeans als schick gelten, hängt Geflicktem ein Makel an. Von einem aber weiß ich, der über ausreichend Grandezza verfügt und zu seinen Flicken steht: Kein Geringerer als Seine Königliche Hoheit Prinz Charles trat 2013 öffentlich mit einem Flicken auf seinem Jackett auf, das garantiert von Anderson & Sheppard, seinem Leibschneider seit 1983 in der Old Burlington Street, einer Nebenstraße der Londoner Savile Row angefertigt worden war. Fand ich gut, diese Haltung, ein gut geschneidertes, 30 Jahre altes und bestimmt lieb gewonnenes Jackett nur wegen eines Löchleins nicht wegzuwerfen. Chapeau! Das ist nicht nur nachhaltig, das ist auch dem Schneider gegenüber ziemlich respektvoll.

Fazit: Schneidere selbst

Lieselotte Kunders Schneidere selbst. Die neue Schneiderlehre entstand in Kooperation mit der G.M. Pfaff AG, weshalb sich heute alle glücklichen Besitzer einer etwa 50 bis 60 Jahre alten Pfaff-Nähmaschine zudem über die ausführliche Erläuterung zu den verschiedenen Nähfüßchen freuen können. Immerhin werden auf  27 Seiten die Vorteile der damals modernen Nähmaschinen gepriesen und gezeigt, wie man mit auch mit der Maschine sticken könne.

Ausführungen zur Stickerei mit dem Loch- und Kreisstickapparat

 

Hohlsäume mit der Maschine? Kein Problem mit Lieselotte Kunder

 

Auch wer wissen will, wie delikate Spitzen eingearbeitet werden, kommt auf seine Kosten.

Einarbeitung von Spitzen mit der Hand und mit der Maschine à la Lieselotte Kunder

 

Eine so alte Pfaff hat leider noch nicht Einzug in meinen Maschinenpark gehalten, muß sie auch gar nicht. Das Buch ist klasse und hilfreich und ich schmökere gern in diesem angegrauten, charmanten Zeitzeugnis. Ich konsultiere es, um Techniken nachzuschlagen oder auch um auf neue Ideen zu kommen. Nähanfängerinnen finden hier alles Wissenswerte für einen erfolgreichen Start an der Nähmaschine. Und erfahrene Näherinnen können immer noch eine neue Verzierungstechnik entdecken. Schneidere selbst von Lieselotte Kunder ist wirklich allen, die mit dem Schneidern beginnen wollen oder schon Freude am Nähen haben, wärmstens zu empfehlen. Vielleicht schlummern bei euch noch alte Bücherschätze im Regal, die es wert wären, wieder in die Hand genommen und konsultiert zu werden?

 

L.  von  fabricandacuppa

 

 

2 Comments

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  1. 1
    fabricandacuppa

    Hallo Manuela, auf die Cabanjacke bin ich selbst gespannt. Sie ist bereits seit geraumer Zeit eigentlich fertig, aber die richtigen Knöpfe sind noch nicht gefunden. Ich kann mich einfach nicht entscheiden. Aber das ist eine andere Geschichte und so darf ich noch ein bißchen üben, schöne Knopflöcher mit der Hand zu sticheln.
    Schade, daß bei deinem Exemplar genau der Schnittbogen mit den Vintageschnitten fehlt. Ich hatte beim Erwerb des Buches überhaupt nicht mit den Bögen gerechnet und war umso freudiger überrascht. Interessiert dich vielleicht ein spezieller Schnitt?
    Liebe Grüße
    L. von fabricandacuppa

  2. 2
    Twill & Heftstich

    Auf Deine Cabanjacke bin ich sehr gespannt! „Schneidere selbst“ habe ich vor ein paar Jahren auch für kleines Geld Second Hand gekauft. Ich mag das Buch sehr gern. Nachdem ich auf Deinen Fotos die Vintage-Schnitte gesehen habe, habe ich sofort nachgesehen, ob ich diesen Bogen jahrelang übersehen habe. In meinem Exempar ist nur mehr der Grundschnitt. Macht nichts, trotzdem ein grandioses Nachschlagewerk. Viele, liebe Grüße Manuela

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