Ab in den Herbst: Burdastyle 09/2017 Nr. 119

Burdastyle 09/2017 Nr. 119: Dreiviertelärmel im Herbst? Ja, mit dieser Jacke kein Problem.

Wer trägt heute Cape?

Mit Capes ist es so eine Sache: Bis in die 1970er Jahren gehörten sie ob kurz oder lang wie selbstverständlich zur Damengarderobe. Seitdem kommen sie immer mal wieder für kurze Zeit in Mode, verschwinden aus der Welt der Kleidung aber wieder genauso schnell wie sie gekommen sind. Bei Kindern sehen sie eigentlich immer entzückend aus und bei Herren sind sie meist bei Schäfern oder Förstern anzutreffen. Sie sind sehr praktisch, wenn es darum geht Wind und Wetter zu trotzen, und selbst dicke Pullover lassen sich mühelos darunter tragen, ohne dass man sich wie die sprichwörtliche Wurst in der Pelle fühlt. Zudem kann man sich auch noch gut bewegen.

Dies sind eigentlich alles Eigenschaften, weshalb Capes zur Wintergarderobe einer jeden von uns gehören sollten, wäre da nicht die Form. Die Kehrseite der Bequemlichkeit und auch aufgrund der fehlenden Ärmel ist die wohl unausweichliche Anmutung eines über den Körper geworfenen Zeltes – außer man verfügt über die knabenhafte Physiognomie einer Audrey Hepburn. Es gibt aber eine Lösung: die Kurzjacke 119 aus der Burdastyle 09/2017, die den Tragekomfort eines Capes mit der Praktikabilität einer weiten, schwingenden Jacke verbindet.

 

Jacke wie Cape: Burdastyle 09/2017 Nr. 119

 

Kurzjacke aus der Burdastyle 09/2017 Nr. 119

 

Merkmale Burdastyle 09/2017 Nr. 119

Einen prima Kompromiss finde ich daher die Kurzjacke in A-Linie aus der Burdastyle 09/2017 mit Kelchkragen, Passe, weiten dreiviertellangen Ärmeln mit Kellerfalte in der Manschette und einem formgebenden Riegel im Rücken.

 

Ärmelmanschette mit tiefer Kellerfalte

 

In dem gelungenen Burda-Septemberheft waren mir eigentlich die mehr klassischen in Tweed ausgeführten Schnittmuster aufgefallen. Die kurze Cape-Jacke hatte ich allerdings völlig übersehen. Schleierhaft, dabei zeigt das Heft sie sogar großformatig in Vorder- und Rückansicht. Mir erschien sie für eine Herbstjacke mit weiten Dreiviertelärmeln, in den der Wind prima reinblasen kann, völlig unpraktisch und in ihrer kurzen weiten Form irgendwie auch unförmig.

 

Foto: Burdastyle 09/2017, S. 19

 

Zudem fand ich die Fotos im Burda-Heft nicht überzeugend. Farbe und plüschliger Stoff erinnerten mich zu sehr an eine Badematte oder an ein Bettjäckchen. Aber ich habe mich gern eines Besseren belehren lassen. Denn die positiven Ausführungen bei Nahtzugabe ließen mich die Jacke noch einmal genauer unter die Lupe nehmen.

 

Nun die textilen Fakten

Den roten Wollstoff mit weißen dicken Fäden entdeckte ich Anfang September auf dem Holländer Stoffmarkt in Potsdam. (Wir gehen regelmäßig auf den Stoffmarkt. Zuletzt hatten wir von unserem Besuch im Frühjahr auf dem Holländer Stoffmarkt in Berlin-Spandau und über geplante Nähvorhaben berichtet.) In Potsdam suchte ich eigentlich einen passenden Wollstoff für eine Jacke à la Coco Chanel. Den Stoff fand ich, doch aus ihm sollte die Kurzjacke entstehen. Den leuchtend roten Futterstoff mit eingewobenem Paisleymuster konnte ich auch gleich ein paar Meter weiter an einem Nachbarstand erstehen.

 

warm, bequem – und nicht unwesentlich – fahrradtauglich

 

Der Schnitt ist recht übersichtlich und leicht zu nähen. Die Jacke ist nicht wirklich vorteilhaft, dafür richtig bequem und wegen der – wenn auch kleinen – Taschen praktisch; mehr als Handy oder Schlüsselbund passen nicht hinein. Auch die Berücksichtigung des Musterverlaufes war selbst bei der gebogenen Passe nicht so schwer wie ich befürchtet hatte.

 

Hier ist die gebogene Passe und das Karomuster ganz gut zu erkennen

 

Die Anleitung für die Leisten- bzw. Pattentasche hat mich allerdings an den Rand des Wahnsinns getrieben. Gruselig. Jetzt aber, wo ich endlich weiß, wie so eine Tasche konstruiert wird, kann ich die Anleitung aus dem Burdaheft durchaus nachvollziehen – aber das ist ja nicht der Sinn der Sache, oder? Wer verfasst eigentlich Nähanleitungen? Sollte der Burda-Verlag jemals nähende Probanden für Nähanleitungen suchen, ich wäre mit Kusshand sofort dabei. Nachdem mich die Burda im Dunkeln ließ, konsultierte ich mehrere Nähbücher, die sich in Terminologie oder Vorgehensweise teilweise widersprachen, auch das Internet war nicht wirklich hilfreich. Am besten fand ich noch die bebilderte Nähanleitung von pattydoo, wobei dort die beiden Taschenbeutel gleich groß waren. Meine aber bestanden jeweils aus einem kleineren und einem größeren Beutelteil, aus dem Jackenstoff und aus dem Futterstoff. Nach stundenlangem Ausprobieren hatte ich es dann und habe nun ein Probemodell als Gedächtnisstütze. Überhaupt sollte man diese Art von Taschen erst einmal an Probestoffen ausprobieren. Dies nur als Ratschlag am Rande. Nach all dem Frust fand ich doch noch eine gute und sogar bebilderte Anleitung. Und zwar wo? In der Burdastyle 04/2017! Und die war dann auch wirklich unmißverständlich, also ziemlich gut. Warum also diese verschwurbelte Anleitung bei meinem Cape-Jäckchen in der Burdastyle 09/2017, wenn der Verlag doch eine gute vorliegend hat.

 

Zustand der Jacke noch ohne Saum, aber nach geglücktem Einnähen der Leistentaschen

 

Jacke und Futterjacke sind schnell genäht. Auf die Knopflöcher im rückwärtigen Riegel verzichtete ich, weil ich die Weite nie verstellen werde. Auch finde ich vier Knöpfe zu üppig und entschied mich daher für drei wie mit Patina überzogene Goldknöpfe mit kleinem Glasstein, die ziemlich gut zum Rot des Stoffes passen. Die Knöpfe fand ich in meinem Lieblingsknopfladen bei mir im Kiez, in dem ich immer fündig werde. (Leider hat der Laden keine Website, weshalb ich ihn bald mal hier vorstellen werde.)

 

Die drei glitzernden Knöpfe am hinteren Riegel

 

Noch am selben Tag sobald die Jacke fertig war, wurde sie auch gleich eines kühlen Abends in Schöneberg ausgeführt. Und trotz des windigen Wetters hielt sie mich schön warm und es zog erstaunlicherweise kein bisschen kalt in die Ärmel rein. Doch der Saum störte mich: Er war formlos und hing entsprechend labbrig. So trennte ich am nächsten Morgen den unteren Saum wieder auf und nähte mit Hexenstichen per Hand einen 4 cm breiten Streifen Filz an den Jackenstoff und die mit der Overlock versäuberte Kante wiederum mit Hexenstichen an den Filzstreifen an. Ich mag die Geschmeidigkeit handgenähter Nähte.

 

Die ersten Hexenstiche am Filzstreifen. Den Faden habe ich mit Bienenwachs verstärkt.

 

Da ich beim Zuschnitt vergessen hatte, dass die Schnittmuster für kleinere Frauen konzipiert sind, fehlten mir nun einige Zentimeter, weshalb ich improvisieren musste und am Schluss um jeden Millimeter froh war, den ich vom Saum bewahren konnte.

 

Mit Hexenstichen befestigter Filzstreifen und umgeklappter Saum.

 

Und so sieht das gesamte Innenleben aus. Die Ärmelausschnitte sind ebenfalls mit Hexenstichen am Außenstoff befestigt und die Futterjacke in Höhe der Achselnaht mit einem Steg an der Jacke gesichert.

 

Abschließend habe ich dann das Futter mit einem innen wie außen nicht sichtbaren Schlupfstich an den Filzstreifen genäht. Und jetzt gefällt mir das Jäckchen ohne Wenn und Aber. Es ist innen vollständig geschlossen, ich sehe und fühle keine einzige Naht und der Saum hat etwas Gewicht und Festigkeit.

 

Die Servatius-Nadel in Höhe der Passennaht

 

Was jetzt noch fehlt ist ein großer Druckknopf, mit dem die Jacke geschlossen wird. Bislang habe ich noch keinen wirklich Schönen gefunden. So lange das so ist, dient meine schlüsselförmige Servatius-Nadel aus Maastricht als Mantelschließe.

 

 

cheerio!

L. von fabricandacuppa

 

Neues aus der herbstlichen Nähwelt gibt es beim Memademittwoch.

 

 

 

10 Comments

Add Yours
  1. 1
    Sewingsisters

    Danke für deinen lieben Kommentar. Quer im Kopf – das ist genau der richtige Ausdruck für die Konfusion. Aber eigentlich ist es ganz einfach – so wie bei allem, was einem mal geglückt ist. Und es macht echt Freude, wenn einem etwas zum ersten Mal gelingt. Deshalb solltest du die Flinte nicht ins Korn werfen und ganz auf Taschen verzichten.

  2. 2
    Sewingsisters

    Danke. Wie schön, mit einer Saumverarbeitung begeistern zu können. Lustigerweise hat mir genau diese Veränderung am Saum die meiste Freude bereitet. Am Ende eines Nähprojektes die letzte Arbeit mit der Hand zu nähen hat auch etwas Meditatives.

  3. 3
    Sarah

    Was für eine außergewöhnliche und wundervolle Jacke! die Farbe steht dir auch ausgezeichnet … und es sind sehr schöne Bilder die du da zeigst . du sprichst mir bei den Taschen aus der Seele ich nähe auch oft Burda Schnitte und das geht mir völlig quer im Kopf ! deswegen habe ich ja auch wie heute beschrieben so eine Beispiel Tasche für mich abgelegt, damit ich immer nicht so lange nachdenken muss… lg Sarah

  4. 4
    Twill & Heftstich

    Ich kann mich einreihen. Auch mir war der Schnitt in der Burda aufgefallen; ich mag Kelchkrägen sehr gern, war aber skeptisch, was 3/4 Ärmel im Herbst betrifft. Mir gefällt besonders Deine Stoffauswahl, und Deine Saumverarbeitung begeistert mich. Liebe Grüße, Manuela

  5. 5
    Sewingsisters

    Freut mich wenn Jacke und Fotos gefallen. Wie gesagt, hatte auch ich die Befürchtung, dass die Jacke für kühlere Herbsttage ungeeignet ist, aber das hat sich glücklicherweise nicht bewahrheitet. Auch Fahrradfahren lässt sich ganz prima in der Jacke.

  6. 6
    Schnitt für Schnitt

    Schicke Jacke! Und schicke Fotos! Ich hätte ja gedacht, dass eine Jacke nach dem Schnitt eher unpraktisch ist, so von wegen Arme heben und so. Aber wenn man darin nicht Fahrrad fahren oder Gewicht heben will, stört es wahrscheinlich nicht. LG Christiane

  7. 7
    Sewingsisters

    Dankeschön! Dass das Muster vielleicht ein Problem darstellen könnte, der Gedanke kam mir erst nach dem Stoffkauf. Und das war gut so! Die Pässe ist nur moderat gebogen, so dass es eigentlich immer klappen müsste. Bin gespannt auf deine Version.

  8. 8
    Sewingsisters

    Dankeschön fürs Kompliment. Schön, dass dir das Jäckchen gefällt. Und viel Glück auf der Stoffsuche. Stellst Du es dann auch vor, z.B. beim Memademittwoch?

  9. 9
    Sandra

    Ein Traum von einem Jäckchen. Ich hatte schon ein Auge darauf geworfen, als die Burda erschien. Die Dreiviertelärmel haben mich allerdings abgehalten. Doch jetzt werd ich ihm wohl noch eine Chance geben. Vielleicht finde ich ja auch so einen schönen Stoff.
    LG Sandra

  10. 10
    Susanne

    Super!
    Ich liebäugele auch mit dem Schnitt, aber bisher habe ich vergeblich nach einem passenden Stoff gesucht und immer gedacht, dass Musterstoff wegen der gebogenen Passe schwer anzupassen wäre.
    Merci, dass du zeigst, dass es doch geht.
    LG von Susanne

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