Auch von innen schön: Die Französische Naht

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Passend zur Französischen Naht kreuzte dieser alte Citroen meinen Weg.

 

Auch von innen schön! Nr. 1: Die Französische Naht

Irgendwann kommt jeder einmal, der sich hinter eine Nähmaschine klemmt, zu der Einsicht, dass auch das Innere des Kleidungsstückes schön aussehen soll. Mir ging es zumindest so: Als ich anfing war ich zuerst zufrieden, das Schnittmuster kopiert zu bekommen, es anzupassen und auf Stoff zu übertragen, seltsame kryptische Nähanleitungen, die wie schlecht übersetzte Gebrauchsanweisung klingen, zu verstehen, und nicht zuletzt natürlich auch mit der eigenen Nähmaschine erst einmal zurechtzukommen, ihre Fähigkeiten und eventuelle Schwächen auszuloten. Kurzum: die ganz normalen Anfangsschwierigkeiten. Es sind viele kleine Schritte, jedoch stellen sich beim Nähen relativ schnell erste vorzeigbare Erfolge ein. Und ist es nicht ein grandioses Gefühl ein selbstgenähtes Kleidungsstück fabriziert zu haben, zu tragen oder andere zu benähen?

Mir fiel allerdings auf, dass oft nur das Äußere zu erfreuen vermag und es im Inneren eines selbst genähten Kleidungsstückes ganz schön wüst aussehen kann: schlecht gesäuberte Nähte, fransende Stoffkanten, unsaubere eingenähte Reißverschlüsse, all die Ungenauigkeiten und Schludrigkeiten, die sich beim Zuschnitt und Nähen eingeschlichen haben, werden auf der Innenseite dann sichtbar. Das hat mich von Anfang an gestört, weshalb ich schon früh Wert auf eine schöne Innenseite legte und nur so selbstgenähte Kleidung genießen kann.

Am leichtesten und schnellsten versäubert man Nähte, vor allem bei Jerseystoffen, zugegebenermaßen wohl mit einer Overlockmaschine. Aktuell weist die Burdastyle (06/2016) auf die schnelle und unkomplizierte Nahtversäuberung mittels Overlock hin. Mit ihr geht es wirklich rasend schnell. Wie, das werde ich an anderer Stelle eigens beschreiben, denn eine Overlock mit ihren Spezialnähfüßen kann einfach viel mehr als nur Nähte versäubern. Mit einem Porsche fährt man ja auch nicht nur zum Brötchenholen zum Bäcker um die Ecke. Und auch nicht alle Nähbegeisterte haben oder brauchen eine Overlock, weshalb ich mich hier erst einmal auf altbewährte Techniken konzentriere, die alle auch mit einer herkömmlichen Nähmaschine ausgeführt werden können.

 

In der Serie Auch von innen schön an, stelle ich in lockerer Folge die verschiedenen Techniken der sauberen, ordentlichen Gestaltung der Innenseite vor. Den Anfang macht die Französische Naht, auch bekannt als Rechts-Links-Naht oder Doppelnaht. Da sie die Nahtzugaben einschließt, sind die Schnittkanten völlig verdeckt, was die Versäuberung der ausfransenden Stoffkanten überflüssig macht. Für gerade Nähte ist sie hervorragend, für Nähte an Rundungen, wie beispielsweise am Ärmelausschnitt, ist sie nur für routinierte Näherinnen wirklich empfehlenswert. Die Französische Naht ist optimal bei nicht gefütterten Kleidungsstücken und besonders bei feinen, dünnen oder durchsichtigen Stoffen wie Seide, Organza oder auch Viskose, bei denen die Nahtzugabe auf der rechten Seite durchscheint. Für dickere Stoffe ist sie hingegen völlig ungeeignet, da an den Nähten durch die vierfache Stoffschicht ein zu großer Wulst entsteht.
Das Nähergebnis mit sehr delikaten Stoffen aber kann sich sehen lassen. Die Naht ist doppelt genäht, somit wesentlich stärker und haltbarer, ist angenehm auf der Haut, sieht sehr ordentlich aus und gibt dem Kleidungsstück das professionelle Finish. Eben auch von innen schön!

Und so wird sie in vier Arbeitsschritten genäht:

 

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Nähfußkante bündig an Stoffkante

 

Erster Arbeitsschritt:

Stoffstücke nicht wie gewohnt rechts auf rechts, sondern links auf links legen. Zur besseren Anschaulichkeit verwende ich hier kontrastierendes Garn. Um eine endgültige Nahtzugabe von 1,5 cm zu erhalten, näht man die erste Naht mit einem Abstand zum Stoffrand mit 7 mm.

 

 

 

 

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linke Stoffseite auf linke Stoffseite

Bei meiner Nähmaschine brauche ich nicht extra nachzumessen; den Abstand erhalte ich automatisch, wenn ich den Stoff bündig an der Kante des Nähfußes entlang führe. Das kann von Nähmaschine zu Nähmaschine aber variieren, weshalb man vor der ersten Naht den Abstand von Nadel zur Nähfußkante besser nachmessen und gegebenfalls anpassen sollte.

 

 

 

 

Zweiter Arbeitsschritt:
Bügeln! Bügeln ist das A & O! Viele vernachlässigen das Bügeln, dabei ist ein gutes Bügeleisen das zweitwichtigste Handwerkszeug beim Nähen und konstantes Bügeln so wichtig. Warum? Weil eine frisch genähte Naht unter Spannung steht, sich unter dem warmen Bügeleisen aber wieder entspannen kann. Ganz einfach. Beinahe schon menschlich.

 

 

Nahtzugabe auf 3mm zurückschneiden
Nahtzugabe auf 3 mm zurückschneiden

Dritter Arbeitsschritt:
Die Nahtzugabe wird nun auf etwa 3 mm getrimmt. Und zwar aus zwei Gründen: erstens wird so überflüssiger Stoff entfernt und die Naht wird schön flach und zweitens wird nur so sichergestellt, dass keine Stoffkanten nach dem nun kommenden vierten Arbeitsschritt hervorlugen.

 

 

 

 

 

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3 mm Nahtzugabe werden eingenäht

 

 

Vierter Arbeitsschritt:
Mit der nächsten Naht wird die zurück geschnittene Nahtzugabe für immer eingeschlossen.

 

 

 

 

 

rechte Stoffseite auf rechte Stoffseite
rechte Stoffseite auf rechte Stoffseite

Genäht wird diesmal rechts auf rechts und die Stoffkante wird wieder an der Nähfußkante entlang geführt. Jetzt noch einmal bügeln von beiden Seiten, und voilà, fertig ist die Französische Naht!

 

 

 

 

 

 

Auch von innen schön!
Auch von innen schön!

Von der rechten Seite ist kein Unterschied zu einer einfachen Naht zu sehen, sie ist aber wesentlich strapazierfähiger und auf der linken Stoffseite haben wir ein sauberes Finish für ein Kleidungsstück, das auch von innen sehr ansehnlich ist. Die Mühe lohnt sich.

 

L.

 

 

 

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