Die Vermessung des Körpers

Mal wieder in Potsdam
Mal wieder in Potsdam

Letzen Sonntag war es also wieder soweit: der Stoffmarkt Holland machte Station in Potsdam und baute seine Marktstände auf, dass sich die Tische unter der Last der schweren Stoffballen bogen. Doch, was dem einen eine Last war uns eine Freude. Als Kinder fieberten wir der Ankunft der Kirmes-Schausteller entgegen, die mit ihren bunten Karussellwagen den Marktplatz für ein paar Tage in einen anderen Ort verwandelten; heute freuen wir uns immer sehr auf die freundlichen niederländischen Stoffhändler und auf das bunte Markttreiben – und natürlich auf die große Auswahl an Stoffen. Übrigens: der Stoffmarkt Holland macht jetzt Sommerpause, die gute Nachricht aber ist, am 17. September kommt er auch schon wieder, dann nach Berlin-Spandau.

Potsdamer Ausbeute
Potsdamer Ausbeute

Wie jedes Mal steuerten wir mit unseren Einkäufen ein Café an, um in aller Ruhe die Stoffe auszupacken, erneut zu begutachten und fingen auch gleich zu planen an, was mit diesem oder jenem fabriziert werden könnte. Wie wäre ein Vintage-Rock aus dem Streifenstoff, eine Wickelkleid aus dem weichen Jersey und ein Jumpsuit für die Tochter oder vielleicht doch lieber eine Tunika? Herrlich, ein Hochgefühl, das wohl jede Näherin kennt.
Es war ein gelungener Tag – nicht nur wegen des bunten Stoffmarkttreibens an einem schönen Sommertag im Herzen Potsdams und den gut gefüllten Taschen. In direkter Nähe zum Markt entdeckten wir nämlich auch eine sehr sehenswerte Ausstellung, die eigentlich jeden und jede, der sich mit Handwerk im Allgemeinen und mit Schneiderhandwerk im Besonderen beschäftigt, interessieren dürfte. Das Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte zeigt seit April die Sonderausstellung uniform? Körper, Mode und Arbeit nach Maß und ist ein Projekt im Rahmen des Themenjahres Kulturland Brandenburg 2016 handwerk – zwischen gestern & übermorgen. Weitere Informationen zum Themenjahr findet man unter http://www.kulturland-brandenburg.de.

 

 

8 Ausstellungsansicht Foto Daniela Döring
Blick in die Ausstellung, Foto: Daniela Döring

Wie der Titel zur Ausstellung schon vermuten lässt, vermittelt die Schau die wechselvolle Geschichte des textilen Handwerks hin zur seriellen Bekleidungsproduktion und ihre Voraussetzungen. Dargestellt werden die zwei sich einander bedingenden Entwicklungen vom Schneiderhandwerk zur modernen Massenkonfektion.

 

Apparat zur Selbstvermessung, Foto: Daniela Döring
Apparat zur Selbstvermessung

Bedingung für diese Entwicklung war die Vermessung des Körpers. Wie wurde vermessen, wie versuchte man ein standardisiertes Größensystem zu etablieren? Heute ist das Problem scheinbar gelöst – oder etwa doch nicht? Wer kennt das nicht: Eine Hose aus Italien oder Frankreich in der Größe 40 passt noch lange nicht einer Frau, die sonst Hosen trägt, die der deutschen Größe 40 entsprechen. Nicht nur Länder, sondern selbst einzelne Firmen haben inzwischen eigene Größensysteme, die das Kaufen von Konfektionskleidung nicht gerade erleichtern. Auch heute noch ist die Kleidungsindustrie auf der Suche nach allgemeingültigen Maßstäben für die Standardisierung, so dass Mode von der Stange auch möglichst vielen Menschen passt.

Am Anfang der Größenfrage stand – wie in Preußen oft der Fall – das Militär. So beginnt im 18. Jahrhundert mit der Uniformierung des stehenden preußischen Heeres die serielle Bekleidungsindustrie, indem drei Mustergrößen eingeführt werden.

10 Ausstellungsansicht Foto Daniela Döring
Ausstellungsansicht Foto: Daniela Döring

Auf den ersten Blick dachte ich bei mir, das sei ein sehr grobes Raster und völlig der Zeit geschuldet, aber jetzt seien wir einmal ehrlich: sind wir heute wirklich weiter oder gar individuell passgenauer, mit unserer groben Einteilung von S, M, L und XL? Nicht wirklich. Vielfältige Größensysteme des Konfektionsgewerbes entstanden erst im 19. Jahrhundert und sind bis heute nicht vereinheitlicht worden.

 

12 Ausstellungsansicht Foto Daniela Dörin
Ausstellungsansicht Foto: Daniela Döring

Interessant finde ich den Ansatz, inwieweit industriell vorgegebene Normen zu ganz ausgefeilten Methoden der Körpervermessung geführt haben, aus dieser Vermessung jedoch auch eine Standardisierung der Sicht auf den Körper resultierte.

 

Wer die Ausstellung noch sehen will, sollte sich ein wenig beeilen, da sie am 24. Juli 2016 schon endet; wer zu spät kommt, hat vielleicht noch das Glück die begleitende Broschüre Vom Maßnehmen, Zuschnitt und Nähen einer Ausstellung zu erwerben.

L.

Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte
Kutschstall
Am Neuen Markt 9
14467 Potsdam

http://www.potsdam.de/event/uni-form-koerper-mode-und-arbeit-nach-mass