Zeitlos: der Kimono

 

 

Das große Weihrauchfass
Das große Weihrauchfass

Der Kimono – kaum ein anderes Kleidungsstück ist weltweit so sehr Inbegriff eines Landes und mit dessen Kultur verknüpft wie der Kimono. Er gehört zur Imagination Japans wie weiß geschminkte Geishas, wie die Teezeremonie oder wie die schneebedeckte Kuppe des Fuji, des heiligen Berges der Japaner. Dabei bezeichnet das Wort Kimono lediglich so viel wie eine Sache zum Anziehen, dessen auch heute noch modern oder besser zeitlos anmutende Form sich seit über eintausend Jahren nicht verändert hat. In Europa schätzte man bereits im Spätbarock die künstlerische Qualität und die handwerkliche Tradition fernöstlicher Kunstgegenstände. Als dann im Zuge der gewaltsamen Beendigung der selbst gewählten Isolation Japans im Jahr 1854 die japanischen Häfen erneut geöffnet wurden, begann nicht nur wieder ein wirtschaftlicher Austausch, sondern auch ein nachhaltiger künstlerischer Einfluss Japans auf die europäische Kunst, und im Speziellen auf die angewandte Kunst Europas, der unter dem Sammelbegriff Japonismus zusammengefasst wird.
Die beiden berühmten Kimono-Künstlerinnen Japans unserer Tage sind Fukumi Shimura und ihre Tochter Yoko Shimura. Mutter und Tochter stellen atemberaubende Beispiele zeitgenössischer Textilkunst her, wie sie in Europa kaum noch praktiziert wird.

Pflanzengefärbte Seidenfäden
Pflanzengefärbte Seidenfäden

Ihre Kimonos, eigentlich alltägliche Gebrauchsgegenstände, haben wie zur Meditation einladende Titel wie Das große Weihrauchfass, Heilige Klara, Maria, Wind und Tau, Roter See, See unter dem Mond, Im Inneren des Biwa-Sees. Sie sind aus feinsten Fäden Japanseide bzw. Pongéseide gewebt und dann und wann durchzogen von einem hauchfeinem Faden Gold oder Silber. Verwendet werden ausschließlich pflanzliche Farben, so Extrakte von Zwiebeln, Indigo, Sappanholz, Stielblütengras, Gardenie und Stechpalme.

Fukumi Shimura und Yoko Shimura sind in Japan eine Institution. Besonders gilt dies für die 1924 geborene Fukumi Shimura, sie wurde 1990 zum Lebenden Nationalschatz für immaterielles Kulturgut erkoren, und mit mehreren besonderen Preisen geehrt, darunter auch mit dem Kyoto Preis, die höchste private Auszeichnung Japans. Fukumi Shimura bezeichnet den Kimono gar als „geistige Gestalt der Menschen in Japan“ und erhebt ihn somit weit über den Rang eines Gebrauchsgegenstandes und mit ihrer Kunstfertigkeit auch weit über die Grenzen des Kunsthandwerkes hinaus.

gelbes MusterBeide Künstlerinnen sammeln die Pflanzen selbst, mit denen sie die Seidenfäden eigenhändig färben. Und beide werden nicht müde zu betonen, dass sie immer noch über die Vielfältigkeit einer jeden Pflanze staunen können. Man könne nie genau wissen, wie eine Farbe ausfallen werde; der Farbton sei abhängig von der Jahreszeit, der Uhrzeit, dem Ort, der Mondphase, ja selbst von dem Gemütszustand der Pflückerin. Was der europäischen, von Vernunft geprägten Weltkonzeption als esoterisch erscheint, ist Ausdruck einer tiefen Demut gegenüber Natur und Schöpfung. In ihrer 2013 gegründeten Kunstschule Ars Shimura in Kyoto vermitteln Mutter Fukumi und Tochter Yoko nicht nur handwerkliche Techniken wie Färben und Weben, sondern in erster Linie Respekt vor der Natur.
Die heute 91-jährige Fukumi Shimura zeigt sich besorgt, dass bei den jungen Japanern eine zunehmende Entfremdung von der Natur zu beobachten sei. IMG_0456Selbst ihre Kunstschüler vermeiden bei der Pflanzen- und Wurzelsuche zunehmend die Berührung von Erde und Insekten. Dabei haben Japaner traditionell ein sehr enges und respektvolles Verhältnis zur Natur: Eine Vielzahl der Farbennamen ist der Natur entnommen. Aus der Edo-Periode stammt der Ausspruch 四十八茶百鼠  „shijû hatcha, hyaku nezumi“, was so viel bedeutet wie „es gibt 48 Farbtöne von Braun und 100 von Grau“. Fukumi Shimura betont, dass der Mensch nicht die Pflanze für sich nutzbar mache, sondern er eine passive, empfangende Rolle innehabe, denn er erhalte von der Pflanze nur das, was diese ihm gebe. Mit drei herrlich schlichten Sätzen fasst sie ihre herausragende künstlerische Arbeit demütig zusammen:

„Wir spinnen Seidenfäden.
Wir färben Fäden mit Pflanzenfarben.
Wir spulen die Fäden auf und weben sie zusammen.“

L.